Jiu Jitsu lügt nicht

BJJ lügt nicht, leider, könnte man meinen. Es gibt viele verschiedene Kampfsportarten, die es dem Ausübenden erlaubt, sich ganz einfach in seiner Soße wohlzufühlen. Da geht man dann mal hin und macht 5 halbwegs ordentliche Judorollen, unterhält sich ein bisschen, 3 Handhebel und ein paar Schläge gegen Pratzen. Die fehlende Form der direkten Auseinandersetzung gibt einem ein bestimmtes Wohlgefühl, dass man mit sich nach Hause tragen kann.

Beim Brazilian Jiu Jitsu ist es leider zum Glück anders, und das stellt auch wohl eine der größten Hürden für die Trainierenden dar. Bei uns gibt es 50% der Zeit Sparring. Nicht allzu ungewöhnlich, einige in der Gegend sparren weniger, aber bei uns gehört das eben dazu. Und da kommt der casus knacktus. Sobald das Sparring los geht, geht es lediglich darum zu zeigen, was man bereits erlernt hat und wie man mit dem anderen und vor allem mit sich selbst umgeht. Man wird quasi blank gezogen und muss sich ohne angezogene Handbremse zeigen. Bist du heute scheisse, dann merken das deine Partner. Hast du wenig Zeit und Energie investiert, dann kommt das in genau diesen ca. 45 Minuten zu Tage. Die sich zeigende Herausforderung ist für uns Sportler dabei ganz unterschiedlich. Die Blau-, Lila- und weiteren Gurte haben bereits eine andere Trainingsmentalität gewonnen, ihnen geht es um Entwicklung, Verausgabung, gezieltes Training. Für viele Neulinge aber geht es um: wer tapped wen, wer tapped mich, wen kann ich tappen? Da aber ein Neuling noch wenig Übersicht und Erfahrung hat, wird es mit sehr großer Wahrscheinlichkeit darauf hinaus laufen, dass er selbst oft am schlechteren Ende einer Sparringsrunde ist. Erstens ist das aus Erfahrung normal und zweitens ist das auch völlig okay. Die Problematik ist dabei die Erwartungshaltung von Weißgurten. Wir haben Leute gesehen, die sich nach wenigen Trainingseinheiten nicht wieder haben blicken lassen, denn man wurde ja andauernd getapped und man hatte nie eine Chance. Offensichtlich ist das so, denn viele die sich auf der Matte tummeln tragen vielleicht den gleichen, weißen Gürtel, haben aber viel mehr Zeit und Energie investiert. Ein Weißgurt tummelt sich in der Regel 2-3 Jahre in dieser Kategorie, bevor er graduiert wird. 2-3 Jahre, 3x pro Woche á mindestens 90 Minuten. Wie man sieht: alles ganz normal. Nur fürs Ego leider nicht so sehr verträglich.

Es wird häufig geschrieben: lass dein Ego an der Tür wenn du rein kommst. Aber das ist natürlich einfacher gesagt als getan. Dadurch, dass wir im Oktober mit vielen neuen, begeisterten Menschen angefangen haben zu trainieren, zeigt sich folgende Entwicklung. Es gibt die Leute, die die Arschbacken zusammen gekniffen haben und durch die harte Anfangszeit gegangen sind. Die haben nun ungefähr ein halbes Jahr Training auf der Habenseite. Diese Leute sagen selbst: „ich merke, da passiert was.“. Diese Leute werden weniger gesweept, bekommen weniger submissions ab, können sich gegen pure Neulinge auf einmal recht unproblematisch im Sparring verhalten und diese kontrollieren. Sie sehen ihren eigenen Progress, der offenkundig da ist, auch wenn es viel Energie und Zeit gekostet hat. Und dann gibt es die, die nach wenigen Trainingseinheiten und vielen Wochen meinen, sie hätten es nicht drauf. Verglichen mit den anderen Teamkameraden, die vielleicht zur gleichen Zeit anfingen, aber viel mehr trainiert haben. Klar klafft die Schere der Progression auseinander nach 6 Monaten, ungeachtet von persönlicher Begabung.

Steckt den Kopf nicht in den Sand. Jiu Jitsu ist sehr kompliziert, sehr tiefgehend und es erfordert Durchhaltevermögen. Niemand mag es, jede Woche eingetütet zu werden, aber das ist eben das, was es im BJJ ist. Am Anfang steht man am Ende der Nahrungskette und „darf“ viel „lernen“. Nach einigen Monaten sieht es dann anders aus. Plötzlich sieht man, dass man sich entwickelt hat. Investiert die Energie und die Zeit, wenn ihr Freude an diesem Sport findet. Denn von einmal Training pro Woche passiert im Jiu Jitsu ziemlich wenig. Geht zu 3 Trainingssessions, testet euch, schaut was mit euch geschieht. Interessiert euch, seid neugierig, fragt Fragen. Trefft neue Leute, rollt mit allem und jedem und drillt Positionen. Erwartet, dass sich harte Arbeit auszahlt. Denn das ist der springende Punkt. Nicht nur im Jiu Jitsu, aber ganz besonders auch hier.

Oss!